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| Wan Athit, 05. Ganyayon 2553 | Sonntag, 05. September 2553 (2010 n.Chr.) |
Wie funktioniert die Wiedergeburt?Wer dies nicht kennt, Vorab eine Art "Richtigstellung": Im Buddhismus gibt es keine "Wiedergeburt". Unser Geist hat keinen Anfang und kein Ende, er war und ist immer da. Wenn der Geist sich mit einem neuen physischen Körper vereinigt, so wird dieser jedesmal "neu" geboren bzw. aus in der Natur vorhandenen Komponenten "zusammengesetzt", es wird also nichts "wieder" geboren. Um aber nicht zusätzliche "Verwirrung" zu stiften, wollen wir es dennoch bei dem Begriff Wiedergeburt belassen, der Buddhist ist sich aber im Klaren darüber, dass es sich dabei jedesmal um eine völlig neue Geburt eines Wesens handelt. Nachfolgend wollen wir das grundsätzliche Verständnis einer solchen Wiedergeburt ansprechen anhand eines Vortrages von: Sri Gnanawimala Maha Thero Colombo, Sri Lanka Die Biologen behaupten, daß der Lebensprozeß eines Wesens mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle der betreffenden Eltern beginnt. Aus der Sicht des Buddhismus erscheint diese Erklärung unzureichend. Er lehrt, daß ein dritter Faktor anwesend sein muß, damit ein neues Lebewesen entstehen kann: der Geist oder das Bewußtsein. Über diese dritte Größe kann die Biologie nichts aussagen, denn als strenge Wissenschaft beschränkt sie ihre Untersuchungen auf äußere Objekte. Der Geist aber ist als Objekt nicht faßbar, er kann mit keinem Instrument nachgewiesen werden. Gleichwohl setzt jede Wissenschaft den Geist stillschweigend schon als vorhanden voraus, denn ohne ihn gäbe es überhaupt keine Erkenntnis. Wenn die Wissenschaft aber mit ihren Methoden zu erforschen suchte, was denn dieser Geist nun eigentlich sei, so würde sie mit Sicherheit keine vernünftige Aussage zustande bringen. Und warum nicht? Weil der Geist nicht außen in den Objekten, sondern im Suchvorgang selbst steckt. Den Geist mit Hilfe technischer Apparaturen nachweisen zu wollen, hieße, den Mond mit der Taschenlampe zu suchen. Nur eine grundsätzlich andere Betrachtungsweise kann die Natur des Geistes offenbaren: das unmittelbare Erleben in der Meditation. Der Geist spielt nun bei der Wiedergeburt eine ganz unentbehrliche, gewissermaßen d i e tragende Rolle, und ein Verständnis dieses Vorganges ist ohne eine halbwegs klare Vorstellung vom Geist unmöglich. Wir müssen daher diesen dunklen Punkt so weit wie möglich aufklären. Hierzu fassen wir das Problem noch grundsätzlicher und fragen geradezu: Was ist ein Lebewesen? - Die Antwort des Buddha darauf lautet: Das, was wir üblicherweise als Lebewesen, als Individuum oder als Persönlichkeit bezeichnen, ist im Grunde genommen eine Anhäufung von Energie, die sich im Zustand unablässiger Veränderung befindet. Stellen wir uns einmal die turbulente Strömung eines Wildbachs vor! Hier beobachten wir, wie sich immer wieder Wasserteilchen zu Wirbeln vereinigen, sich zu dynamisch geordneten Ganzheiten organisieren, die von der Strömung mitgenommen und schließlich aufgelöst werden, wobei anderswo neue Wirbel entstehen. Ganz ähnlich formt die Lebensenergie während ihres Dahinfließens vorübergehend diesen oder jenen Organismus, um ihn nach einiger Zeit wieder aufzugeben und neue Gestalt anzunehmen. Im Verlauf dieser pausenlosen Umwandlung verdichtet sich zeitweise ein Teil der Energie zu Materie und gewinnt als rúpa oder Körperlichkeit Gestalt. Die freie, nichtmaterielle Energie nennen wir náma oder Geist. náma und rúpa bezeichnen dabei bestimmte Funktionsgruppen, die ihrerseits weiter unterteilt werden können. Dies erweist sich als besonders sinnvoll bei der geistigen Gruppe náma, die dadurch an Deutlichkeit gewinnt. Der Buddha hat diese Gruppe in vier Teile untergliedert, wodurch zusammen mit der Körperlichkeitsgruppe fünf Daseinsgruppen oder khandha entstehen. Alle Erscheinungen des Daseins lassen sich auf diese fünf körperlichen und geistigen Grundfunktionen zurückführen. Im ersten Teil dieses Vortrags wollen wir uns nun diese fünf Daseinsgruppen etwas genauer ansehen. 1. Gruppe: RUPA-KHANDHA (=Körperlichkeit) Diese Gruppe umfaßt alles, was wir Materie nennen, und zwar sowohl die stoffliche Einheit des belebten Körpers wie auch die stoffliche Umwelt. Die Körperlichkeitsgruppe kann man natürlich beliebig weiter zerlegen, um die verschiedenen Materiearten genauer zu bestimmen. So könnte man zunächst ganz grob zwischen belebter Materie etwa nach den von ihr gebildeten Körperorganen untergliedern. Wir würden heute die Materie nach chemischen Elementen ordnen oder gar bis auf die Anordnung der Elementarteilchen in den Atomen zurückgehen. Diese Klassifizierungen der Materie haben aber den Nachteil, völlig unanschaulich zu sein. Von besonderem Wert ist deshalb eine vom Buddha gelehrte Einteilung in vier Erscheinungsformen oder Aggregatzustände der Materie, die von jedem leicht erkannt und unterschieden werden können, nämlich: der feste Zustand, bezeichnet als Erdelement; der flüssige, benannt mit Wasserelement; der gasförmige, vertreten durch das Windelement; und der angeregte Zustand physikalischer oder chemischer Aktivität, bei dem gewöhnlich Wärme umgesetzt wird und der deshalb Hitzeelement genannt wird. Diese vier Erscheinungsformen der Materie sind meist ohne besondere Hilfsmittel erkennbar und lassen sich sowohl am eigenen Körper wie überall in der Natur feststellen. So setzen sich beispielsweise unsere Sinnesorgane aus den gleichen materiellen Substanzen zusammen, aus denen auch die Außenwelt besteht, in welcher die Sinnesorgane ihre Objekte finden. Das Auge zum Beispiel setzt sich aus Erd-, Wasser- und Hitzeelement zusammen, oder wie wir sagen würden: es besteht aus festen, flüssigen und chemisch aktiven Substanzen, wobei letztere in der lichtempfindlichen Netzhaut eingelagert sind. Auch das Gehirn samt seinen elektrochemischen Prozessen gehört zur Körperlichkeitsgruppe. Es liefert die materielle Grundlage für die geistigen Vorgänge, denen wir uns in den nächsten Gruppen zuwenden. 2. Gruppe: VEDANA-KHANDHA (=Gefühl) Gefühl ist ein Geistesfaktor, der uns fortwährend über den geistigen und körperlichen Zustand unseres Organismus unterrichtet. Man unterscheidet fünf Gefühlsklassen, nämlich:
Die einzelnen Gefühlsschwankungen beziehen wir auf diesen mittleren Zustand und empfinden sie dann als freudige oder leidvolle Erregungen. Wir müssen uns also vor Augen halten, daß Freude und Leid keine absoluten, sondern nur relative Gefühlswerte sind. Was in primitiven, überwiegend leidbehafteten Daseinsformen noch als Freude empfunden wird, mag für höher entwickelte Organismen schon als Schmerz gelten. Wer sich in der Meditation dem freud- und leidlosen Zustand des gleichmütigen Geistes nähert, erkennt alle noch aufsteigenden Gefühlsregungen als Äußerungen geistiger Unruhe und Unreinheit, also als Leiden. - Gefühlsschwankungen werden häufig durch sinnliche Wahrnehmungen ausgelöst. Infolge guten oder schlechten Karmas werden nämlich die im Daseinsstrom auftauchenden Erscheinungen teils als erwünschte, teils als unerwünschte Dinge und Vorgänge empfunden. In buddhistischen Schriften findet man deshalb häufig eine Einteilung der Gefühlsgruppe in sechs Gefühlsklassen. Diese Gliederung erfolgt dann nach den sechs auslösenden Wahrnehmungsarten, die in der nächsten Gruppe näher beschrieben werden. 3. Gruppe: SANNA-KHANDHA (=Wahrnehmung) Wahrnehmung kommt durch den Kontakt zwischen Sinnesorgan und Sinnesobjekt zustande. Hierdurch ergeben sich zunächst fünf uns geläufige Wahrnehmungsklassen, nämlich: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Wenn wir willkürlich einmal die Körperoberfläche als Grenze zwischen Innen- und Außenwelt annehmen, so befinden sich die meisten Objekte "außen". Wir nehmen aber auch "innere" Objekte wahr, zum Beispiel die in der vorigen Daseinsgruppe beschriebenen körperlichen und geistigen Gefühle. Hier aber taucht die Frage auf: Mit welchem Sinnesorgan erfolgt diese "innere" Wahrnehmung? Für die körperlichen Gefühle können wir den Fühlsinn verantwortlich machen; wie aber verhält es sich mit den geistigen Prozessen, die wir ja ebenfalls wahrnehmen, mit den geistigen Gefühlen und vor allem mit dem Denken? - Hierauf ist zu antworten: Es gibt ein sechstes Sinnesorgan, das diese Wahrnehmungen ermöglicht, nämlich das Gehirn. Der Buddhismus kennt also nicht nur fünf, sondern sechs Sinnesorgane. Die moderne Wissenschaft hätte sicher nichts dagegen einzuwenden. Denn letztlich gehören die uns geläufigen fünf Sinnesorgane ebenso wie das Gehirn zum Nervensystem, welches das Wahrnehmungszentrum darstellt und von dem aus gesehen jede Aufteilung in Innen- und Außenwelt sinnlos wird. Physikalisch gesehen entspricht jedem Sinnesreiz und jedem Gedanken eine Impulskette von Stromstößen im Nervensystem. Für den Mechanismus der Wahrnehmung ist es also im Prinzip ganz gleichgültig, ob ein Objekt aus der "realen" Außenwelt oder aus der Modellwelt unseres Gehirns stammt. Ein Objekt hat zwar für uns einen um so höheren Gehalt an Realität, je mehr Sinne es erfassen können. Ein Stein zum Beispiel, den man sehen und betasten kann, erscheint uns wirklicher als ein Ton, den man nur hören kann oder als eine Vorstellung, die nur gedacht wird. Letzten Endes aber besteht zwischen Gedanken und Sinnesreizen kein Wesensunterschied; beides sind Objekte der Wahrnehmung. 4. Gruppe: SANKHARA-KHANDHA (=Geistiges Gestalten) Der Begriff SANKHARA bedeutet sowohl "das Gestaltete" wie auch den Vorgang des Gestaltens selbst. Hier verstehen wir darunter die geistige Aktivität, welche das Fortbestehen des Organismus ermöglicht, indem sie eine Art Lebensenergie erzeugt. Diese Energie entsteht immer wieder durch die zahllosen heilsamen und unheilsamen Willensregungen, mit denen wir auf angenehme oder unangenehme Gefühle und Wahrnehmungen reagieren. Sie werden sich sicher daran erinnern, daß wir im letzten Vortrag diese Willensregungen ausführlich unter dem Begriff KAMMA besprochen haben. Was wir oben eine "Lebensenergie" nannten, ist im Grunde nichts anderes als aufgehäuftes Karma. Jede Willensregung erhöht die karmische Energie, jeder nicht willentliche Vorgang verbraucht und vermindert sie. So zehrt sich früher gewirktes Karma beispielsweise dadurch auf, daß es als Körperlichkeit, Gefühl und Wahrnehmung ins Dasein tritt. Diese Daseinsgruppen entstehen ohne unseren Willen, sind also karmische Folgen. Die willentliche Reaktion auf ein Gefühl oder eine Wahrnehmung aber läßt neues Karma entstehen, gleichgültig ob die Willensregung dabei deutlich bewußt wird oder nicht. Solange man von diesen Zusammenhängen nichts weiß, reagiert man auf die Daseinserscheinungen impulsiv und gleichsam automatisch, so daß sich die karmische Energie sofort erneuern und selbst erhalten kann. Solange aber Karma vorhanden ist, kommt es immer wieder zu neuen Gestaltungen, zu neuem Dasein, zu neuem Leiden. 5. Gruppe: VINNANA-KHANDHA (=Bewußtsein) Karmische Energie tritt in unterschiedlicher Qualität und unterschiedlicher Stärke in Erscheinung, wobei beide Aspekte im Bewußtsein zusammenfallen. Das Bewußtsein bildet die Grundlage für alle anderen Daseinsgruppen und tritt nur in Verbindung mit diesen auf. Bewußtsein als solches ohne "Inhalt" gibt es nicht. (Genau genommen ist die Bezeichnung Bewußtsein irreführend, denn es handelt sich eigentlich um ein unablässiges Bewußt werden der übrigen Daseinsgruppen. Nur der sprachlichen Vereinfachung halber zerlegen wir diesen dynamischen Vorgang in die mehr statische Vorstellung von einer selbständigen Größe Bewußtsein mit wechselnden Inhalten.) Hinsichtlich der karmischen Qualität seiner Inhalte unterscheidet man heilsames, unheilsames und neutrales Bewußtsein. Begriffe wie Unbewußtes, Unterbewußtsein, Traumbewußtsein, Wachbewußtsein, Hellblicksbewußtsein usw. deuten die wechselnde Intensität an, mit der die Bewußtseinsinhalte erlebt werden. Im normalen Wachzustand ist das Bewußtsein meistens von sinnlichen Wahrnehmungen erfüllt; deshalb unterscheidet man auch hier nach den sechs Sinnen sechs Bewußtseinsklassen, nämlich Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck -, Fühl- und Denkbewußtsein. Fassen wir noch einmal kurz zusammen: Der Buddhismus untergliedert den Daseinsprozeß in fünf Komponenten, nämlich in Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, geistiges Gestalten und Bewußtsein. Auffallend bei dieser Gliederung ist, daß alle Daseinsfaktoren tatsächlich erlebbar sind und in ihrer Wechselwirkung die Dynamik des Lebens voll erfassen. Die Daseinsgruppen existieren nicht nur als Begriffe, sondern sie sind unmittelbare Wirklichkeit, an der nicht zu zweifeln ist. Zusammengenommen bilden die Daseinsgruppen den Daseinsstrom, eine untrennbare Ganzheit. Wie in einem Gebirgsbach Wirbel entstehen, entstehen im Daseinsstrom Lebewesen; beides setzt Bewegung und Unruhe voraus, beides formt vergängliche, wesenlose, nichtige Erscheinungen. Und ebensowenig, wie ein Wirbel einen Wesenskern hat, besitzt ein Lebewesen einen solchen. Der Glaube an eine Persönlichkeit, an eine Seele oder an ein Ich erweist sich als leere Illusion, die bei Licht besehen jeder Grundlage entbehrt. Begriffe wie Wirbel oder Persönlichkeit täuschen etwas wirklich Seiendes vor, wo im Grunde genommen nur der Begriff selbst die Einheit herstellt. Ein Vorgang wird durch Benennung zum Ding - ein unbewußt vollzogenes Zauberkunststück! - Im zweiten Teil unseres Vortrages werden wir sehen, wie sich der Daseinsstrom immer wieder neu gestaltet, was wir als Wiedergeburt bezeichnen. Im ersten Teil unseres Vortrages kamen wir über die Frage, was eigentlich ein Lebewesen sei, zum Daseinsprozeß selbst. Diesen untergliederten wir dann in fünf Grundfunktionen, nämlich in Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, geistiges Gestalten und Bewußtsein. Auf diese fünf Daseinsgruppen oder khandha lassen sich alle Daseinserscheinungen zurückführen, oder anders ausgedrückt: Dasein erschöpft sich in einem unablässigen Bewußtwerden von Körperfunktionen, Gefühlen, Wahrnehmungen und Willensregungen. Wir haben weiter festgestellt, daß Körperlichkeit, Gefühl und Wahrnehmung karmische Folgen sind und unabhängig vom momentanen Willen ins Bewußtsein treten, wobei sich in diesen Gestaltungen karmische Energie aufzehrt. Andererseits schafft jede willentliche Reaktion wieder neues Karma und erzeugt damit die Energie zur Bildung neuer Gestaltungen. Der immer wieder aufspringende Wille oder, allgemeiner gesprochen, der Lebensdurst (tanhá) ist also der treibende Motor des ganzen Daseinsprozesses, während die übrigen Daseinsfaktoren lediglich den Charakter von Nachwirkungen haben. Diese Nachwirkungen bestimmen schlechthin unsere gesamte Wirklichkeit, unser ganzes Daseinsbefinden. Von den karmisch bedingten Inhalten unseres Bewußtseins hängt es ab, ob wir uns gesund oder krank, wohlgestaltet oder mißgebildet wähnen, ob wir Lust oder Schmerz, Freude oder Leid empfinden, ob wir Angenehmes wahrnehmen oder Unangenehmes, ob uns die Welt freundlich oder feindlich gesinnt erscheint. Jeder Augenblick unseres Lebens ist vollständig bestimmt durch den jeweiligen Zustand unseres Bewußtseins. Dieser ändert sich fortwährend. Je nachdem, ob heilsames oder unheilsames, starkes oder schwaches Karma zur Reife gelangt, schwankt das Bewußtsein zwischen angenehm und unangenehm empfundenen Zuständen, die wiederum mit wechselnder Deutlichkeit und Klarheit erlebt werden. Hinsichtlich der Intensität des Bewußtseins bildet sich ein regelmäßiger Rhythmus heraus, in welchem das Bewußtsein zwischen Zuständen heller Wachheil und tiefer Bewußtlosigkeit schwingt. Dieser periodische Wechsel läßt sich einfach erklären: Befinden wir uns zum Beispiel gerade in einer relativ schwachen Bewußtseinslage, so kann in dieser der aufspringende Wille ebenfalls nur schwach sein; folglich wird auch nur schwaches Karma gebildet, welches in Zukunft wieder zu einer schwachen Bewußtseinsphase führen wird. Entsprechendes gilt für die klaren Wachzustände und die nahezu bewußtlosen Phasen des Tiefschlafes. Ähnlich dem Gezeitenwechsel von Ebbe und Flut entsteht und vergeht das Bewußtsein, werden die Daseinsgruppen ergriffen und wieder losgelassen. Diesem Gesetz der Periodizität unterliegt auch die Wiedergeburt. Der Vorgang des Sterbens und Wiedergeborenwerdens unterscheidet sich von dem des täglichen Einschlafens und Erwachens im wesentlichen nur dadurch, daß im Todesaugenblick die Körperlichkeitsgruppe völlig aufgegeben wird, während im Schlaf ein vermindertes Bewußtsein von ihr erhalten bleibt. Dieses reduzierte Bewußtsein ermöglicht selbst während des Tiefschlafes den Fortbestand des Organismus und seiner lebensnotwendigen Funktionen wie Atmung, Kreislauf, Verdauung usw. Wird jedoch ein gewisses minimales Bewußtsein unterschritten, dann können diese Funktionen nicht mehr ausgeführt werden, der Organismus stirbt, die Daseinsgruppen zerfallen. Ungeachtet dessen nimmt der Karmastrom jedoch seinen Fortgang. Auf die Phase schwächster Karmaformationen folgt allmählich wieder stärkeres Karma, die Daseinsgruppen werden wieder ergriffen, ein neuer Organismus entsteht. Mit Einschlafen und Erwachen, Tod und Geburt haben wir jedoch nur die relativ groben Bewegungen des Daseinsprozesses erfaßt. Tatsächlich schwingt das Bewußtsein in jedem Augenblick mit unvorstellbarer Geschwindigkeit zwischen Zuständen unterschiedlicher Intensität. Das Wirklichkeitserleben wird also nicht nur durch die Stärke und Qualität des zur Reife gelangenden Karmas bestimmt, sondern auch durch die Fähigkeit des Bewußtseins, den wechselnden Karmaschwingungen folgen zu können. Das normale Durchschnittsbewußtsein heftet sich willentlich an bestimmte Erscheinungen des Daseinsstromes und verliert dadurch seine Beweglichkeit; es verschleift die einzelnen Schwingungen zu einem trägen Mittelwert, der sich nur langsam ändert. Hierdurch entsteht dann die falsche Vorstellung von einer dauerhaften und beständigen Welt. Mittels Meditation kann diese Verhaftung an einzelne Erscheinungen nach und nach gelöst werden, bis das Bewußtsein auch den feinsten Bewegungen des Karmastromes folgen kann und dann in Resonanz mit seiner natürlichen Ursache frei schwingt. Dieser Bewußtseinszustand offenbart dann klar die Tatsache, daß Wiedergeburt in jedem Augenblick stattfindet. Mehr noch: Es wird eine Erinnerung an frühere Wiedergeburten möglich, und zwar nicht nur innerhalb einer Existenz, sondern über die ganze karmische Reihe. Es besteht jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Bewußtsein des physischen Todesmomentes und dem Meditationsbewußtsein. Ersteres kommt durch eine allgemeine Schwächung des Karmastromes zustande und führt zum Zerfall der Daseinsgruppen. In der Meditation bleibt die gerade vorhandene Stärke des Karmastromes und damit die Bedingung für den Fortbestand des Organismus voll erhalten. Dennoch kann das frei schwingende Bewußtsein bis in die tiefsten Schichten, bis auf den Grund aller karmischen Gestaltungen vordringen. Im Grunde genommen ist hiermit bereits alles Wesentliche zum Thema Wiedergeburt gesagt. Wer den Zusammenhang zwischen den fünf Daseinsgruppen und dem Karmagesetz begriffen hat, versteht auch die Wiedergeburt; durch Meditation wird dieses Verständnis zur zweifelsfreien Gewißheit. - Wir wollen hier aber noch auf eine andere Auffassung von Wiedergeburt eingehen, welche auf einem Mangel an tieferer Einsicht beruht. Hierzu sagt Buddhagosa im Visuddhi Magga: "Derjenige, der keine klare Idee betreffs der Wiedergeburt hat und sich nicht der Tatsache bewußt ist, daß das Erscheinen der Daseinsgruppen immer und überall Wiedergeburt bedeutet, kommt zu allerhand Schlußfolgerungen wie: Ein Lebewesen ist geboren und hat einen neuen Körper erhalten." Nun, ob wir nach dem bisher Gesagten noch eine solche Vorstellung haben oder nicht, Tatsache bleibt, daß wir uns selbst als Lebewesen bezeichnen und daß wir diese Welt mit anderen Lebewesen teilen. Es besteht offensichtlich ein Unterschied zwischen dem, was wir erkannt haben und dem, was wir erleben. Und das ist auch nicht verwunderlich: Wir erleben ja stets nur Karmafolgen, und durch bloße Erkenntnis dieses Umstandes wird am Karmastrom noch nichts geändert. Es kommt auf die Umsetzung des Erkannten in der Praxis an, auf die Willenswendung, und selbst diese wird nicht sofort zu einer total veränderten Wirklichkeit führen. Alles braucht seine Zeit, um heranzureifen. Wenn Erkenntnis nicht dem Erleben vorauseilte, wäre überhaupt keine bewußte Entwicklung möglich. Wir müssen uns aber sehr davor hüten, den Blick für unsere konkrete Wirklichkeit zu verlieren. Wer alles nur unter dem Blickwinkel "absoluter Wahrheit" sehen will, gleicht einem Bergsteiger, der auf den Gipfel starrt und dabei nicht auf seinen Weg achtet. Leben ist wie ein Traum. Auch im Traum gibt es Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Willensregung und Bewußtsein, und auch hier finden wir uns gemeinsam mit anderen Lebewesen in einer komplizierten Welt wieder. Mit dieser Traumwelt setzen wir uns auseinander, wir begegnen anderen Menschen, reden mit ihnen und handeln, empfinden Zuneigung oder Haß. Wenn wir erwachen, erkennen wir, daß alle Gestaltungen und Erlebnisse bloße Projektionen des Bewußtseins waren. Und trotzdem können wir nicht leugnen, daß wir im Traum wirklichen Schmerz erlitten, Kummer hatten, oder Freude und Glück empfanden. Es gibt keine absolute Realität, aber unsere Wirklichkeit ist auch keine bloße Täuschung, die uns unberührt ließe. Solange wir nicht vollständig erwacht sind, bleiben wir gefesselt an diese oder jene Welt, unterliegen wir ihren Gesetzen, haben wir uns mit ihr auseinanderzusetzen. Zu bestimmten Zeiten ist die Welt des Traumes unsere Wirklichkeit, zu anderen Zeiten die des Wachzustandes; der Unterschied beruht auf der ungleichen Stärke des zur Reife gelangenden Karmas. Im Hinblick auf unser Wirklichkeitserleber ist es durchaus sinnvoll, von einem Ich, von einer Umwelt und von anderen Lebewesen zu sprechen. Überhaupt haben wir ja keine andere verbale Ausdrucksmöglichkeit als die Umgangssprache, die noch ganz diesem Erleben entspricht. Aber wir wissen bereits, daß diese Welt mit ihren Gestaltungen nicht die letzte Realität sein kann, daß in jedem Augenblick Wiedergeburt in ein neues Dasein erfolgt, daß Wirklichkeit sich entwickelt. Ein Blick in unsere Umwelt offenbart die unendlich vielen Möglichkeiten anderer Daseinsformen: Allein die Menschenwelt erstreckt sich von höllischen, mit unermeßlichem Leid verbundenen Zuständen bis zu himmlischen Zuständen der Freude, des Glücks und der Seligkeit. Götter und Teufel, Dämonen und Gespenster brauchen wir nicht in außerirdischen Gefilden zu suchen. Sie leben in unserer Wirklichkeit als Heilige oder Verbrecher, als Wahnsinnige oder geistig dahindämmernde Wesen. Himmel und Hölle sind keine Ortsbezeichnungen, es sind Zustände des Bewußtseins. Trotz allem interessiert uns nun aber doch, wie die Lehre von den fünf Daseinsgruppen mit der Vorstellung von einem Ich, einer Umwelt und der Vielzahl anderer Geschöpfe vereinbar ist. Wie konnte es überhaupt zu einer solchen Vorstellung kommen? - Wir erinnern uns, daß wir die Daseinsgruppen nach karmischen Ursachen und Folgen unterschieden haben. Nochmals: Was immer auch an Körperlichkeit, Gefühl und Wahrnehmung bewußt wird, entsteht nicht durch blinden Zufall, sondern tritt als Karmafrucht, hervorgegangen aus der Saat der Willensregungen, in Erscheinung. Solange diese inhaltsschwere Tatsache nicht erkannt wird, scheinen Wille und Daseinsgestaltungen unabhängig voneinander zu existieren. In diesem Stadium führen Ursachen und Wirkungen im Bewußtsein gleichsam ein Eigenleben; der Daseinsprozeß ist zerfallen in ein Ich, welches will, und in eine Welt von Objekten, auf welche der Wille gerichtet ist. In die Umwelt hinein projiziert dann das Ich seinen eigenen karmischen Werdegang und schaut ihn in Form einer unendlichen Vielzahl von Lebewesen an. In dieser gespaltenen Wirklichkeit ist das Ich Wahrnehmungszentrum und Aktionsquelle zugleich. Wir wissen nun, daß alle Wahrnehmungen Karmafolgen sind; was also an Objekten wahrgenommen wird, kann immer nur Folge des Willens, nie der Wille selbst sein. Mit diesem aber identifiziert sich das Ich, folglich kann es sich selbst nie erkennen. Es erkennt nur Objekte, von denen es getrennt ist und deren Ursprung ihm ein völliges Rätsel bleibt. Gleichwohl zeigen alle Daseinserscheinungen in ihrem Ablauf nichts anderes als die Wandlungen des karmaschaffenden Willens. Was das Ich als seine Umwelt erlebt, ist also das objektive Spiegelbild seines subjektiven Werdeganges. Tatsächlich läßt sich in der Objektwelt ein Entwicklungsgesetz nachweisen. Leben entstand nicht plötzlich, es entwickelte sich allmählich, ohne daß sich ein eigentlicher Anfang festsetzen ließe. Die Abstammungslehre verfolgt die Entstehungsgeschichte der Arten bis zum einzelligen Organismus zurück. Alle tierischen und pflanzlichen Lebensformen, also auch der Mensch, haben dieses einzellige Entwicklungsstadium durchgemacht und sich dann weiter zu immer höheren Daseinsformen emporgearbeitet. Dabei erlebt jedes einzelne Lebewesen in seiner individuellen Entwicklung noch einmal alle wesentlichen Phasen seiner Stammesgeschichte. Die Evolution der Arten verläuft wie in einer Spirale. Bereits durchlaufene Stadien werden auf immer höheren Ebenen wiederholt, wobei diese allmähliche Entwicklung durch tiefe Einschnitte unterbrochen wird, in denen ein neuer qualitativer Zustand erreicht wird. Dieses Gesetz entspricht, bei Beachtung der unterschiedlichen Perspektive, vollkommen unserer Wiedergeburtslehre. Aber die Abstammungslehre setzt mit dem einzelligen Organismus eine ganz willkürliche Grenze. Wo beginnt Leben wirklich? Bei den Einzellern, den organischen Molekülen, den Atomen, den Elementarteilchen, den energetischen Schwingungen? Die moderne Wissenschaft lehrt keine solche Grenze. Sie kennt keine tote Materie mehr, sie hat diese völlig aus ihrem Weltbild getilgt und durch ein Spiel lebendiger Formen ersetzt. Energie und Materie, Geist und Substanz, náma-rúpa sind nur die wechselnden Erscheinungsformen eines einzigen Daseinskreislaufs. Der Kampf ums Dasein, wie wir ihn zwischen den Lebewesen, dem Ich und der Umwelt erleben, ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung des Bewußtseins mit sich selbst. Letztlich beruht diese Bewußtseinsspaltung, die der Buddha Ich-Wahn nennt, auf der Unkenntnis des Karmagesetzes und der bedingten Natur der Daseinsgruppen, auf Unwissenheit also. Unwissenheit ist die allgemeinste Bedingung für den Daseinsprozeß überhaupt. Denn nur solange der Ich-Wahn besteht, werden die Gestaltungen als etwas Fremdes empfunden, können ihnen gegenüber Willensregungen aufspringen, kann neues Karma für neue Gestaltungen entstehen. Solange aber wird auch das Leiden existieren. Wer daher die Buddhalehre wirklich begriffen hat, strebt nicht nach Wiedergeburt in dieser oder jener Welt - er ist dabei, die Daseinsfessel zu sprengen. Für einen nüchtern und sachlich denkenden Menschen dürfte es also kaum ein Problem darstellen, der buddhistischen Wiedergeburtstheorie Glauben zu schenken. Sie ist, neben ihrer Beweisbarkeit, auch logischer als z.B. die Erzählung, dass die Menschenfrau aus einer Rippe eines Menschenmannes "geformt" wurde.
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