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Gibt es im Buddhismus Gebote wie im Christentum?
Der Buddhismus kennt keine gesetzesgleichen Verhaltensvorschriften und damit auch keine "höhere" Instanz, die das Nichteinhalten solcher Vorschriften bzw. Gebote "bestrafen" würde.
Die sittlichen Grundsätze im Buddhismus sind keine Gebote, die eingehalten werden müssen, sondern Verhaltensgrundsätze, die sich der, der sie befolgt, aus eigener Einsicht und Freiwilligkeit zu eigen macht.
Ihre Respektierung erfolgt nicht aus einem geforderten Glaubensgehorsam, sondern aus der Überzeugung, dadurch eine heilsame Lebensgrundlage für sich selbst und andere zu schaffen.
Buddhisten nehmen im Normalfall sicher keinen verbissenen "Alles-oder-Nichts-Standpunkt" ein, es ist besser, seine übliche Lügenquote um 20% zu vermindern, als dem für einen Politiker, Geschäftsmann, Versicherungsvertreter oder religiösen Funktionär vielleicht nicht realisierbaren Ideal des 100 - prozentigen Nicht-Lügens und Nicht-Betrügens nachzutrauern.
Wichtig ist auch hier die Achtsamkeit, daß man weiß, was ich tue ist richtig, bzw. nicht richtig und ich muß dafür gerade stehen.
Die Einhaltung der fünf sittlichen Verhaltensgrundsätze wird von den meisten Buddhisten also nicht so sehr als Quelle für Verdienst angesehen, sondern ihr Nichteinhalten wird als Quelle für negativen Verdienst angesehen, das sich unheilsam auf das eigene Kamma / Karma auswirkt.
Die grundlegenden Sittenregeln der Buddhisten sind die fünf Trainingspunkte der Sittlichkeit:
- Enthaltung vom Töten von Lebewesen
- Enthaltung von Diebstahl
- Enthaltung von Ehebruch
- Enthaltung von Lügen, Denuntiation, Hintertreiberei, verbalen Grobheiten, Klatsch und Geschwätz
- Enthaltung von Rauschmitteln, die Anlaß zu Nachlässigkeit sind
Der renommierte Buddhologe Alois Payer hat diese 5 Regeln so interpretiert:
- Ich trainiere ein Verhalten, daß meine Mitwelt von mir keine Verletzung ihrer körperlichen Unversehrtheit befürchten muß - der 1. Trainingspunkt der Sittlichkeit: Enthaltung vom Töten von Lebewesen
- Ich trainiere ein Verhalten, daß meine Mitwelt nicht die Verletzung von Besitz und Eigentum befürchten muß - der 2. Trainingspunkt der Sittlichkeit: Enthaltung von Diebstahl
- Ich trainiere ein Verhalten, daß andere nicht die Verletzung erotisch-sexueller Treueversprechungen oder sexuell motivierte Gewalt befürchten müssen - der 3. Trainingspunkt der Sittlichkeit: Enthaltung von Ehebruch
- Ich trainiere ein Verhalten, daß meine Mitmenschen nicht befürchten müsssen, von mir betrogen, hintergangen, denunziert, verbal verletzt, zum Gegenstand von Geschwätz gemacht zu werden - der 4. Trainingspunkt der Sittlichkeit: Enthaltung von Lügen, Denuntiation, Hintertreiberei, verbalen Grobheiten, Klatsch und Geschwätz
- Ich trainiere ein Verhalten, daß die Gesellschaft und die von mir Abhängigen nicht befürchten müssen, daß ich meinen sozialen Pflichten schuldhaft nicht nachkomme, weil ich ein Drogenabhängiger werde - der 5. Trainingspunkt der Sittlichkeit: Enthaltung von Rauschmitteln, die Anlaß zu Nachlässigkeit sind.
Wir sehen also, dass dies alles sozial relevante Verhaltensweisen sind, leicht nachvollziehbar für jedefrau.
Der grossartige vietnamesische Mönch und ZEN - Meister Thich Nhat Hanh hat die fünf ethischen Grundsätze des Buddha in die nachfolgenen Grundsätze gefasst:
- Erster Grundsatz
Des Leidens bewußt, das durch die Zerstörung von Leben entsteht, will ich mitfühlende Zuwendung üben und Wege finden, um das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen zu bewahren. Ich bin entschlossen nicht zu töten, andere nicht töten zu lassen und den Akt des Tötens nicht herunterzuspielen - weder in meinem Denken noch in meinem Handeln.
- Zweiter Grundsatz
Des Leidens bewußt, das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung verursacht wird, bin ich zur Entwicklung von liebender Güte entschlossen und möchte Wege finden, dem Wohlergehen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu dienen. Ich möchte Großzügigkeit praktizieren, indem ich meine Zeit, Energie und materiellen Mittel mit denen teile, die es brauchen. Ich gelobe nicht zu stehlen. Ich werde den Besitz anderer achten und wenn immer möglich, andere davon abhalten, sich am menschlichen Leiden oder dem Leiden anderer Lebewesen zu bereichern.
- Dritter Grundsatz
Des Leidens bewußt, das durch sexuelles Fehlverhalten verursacht wird, bin ich zur Entwicklung von Verantwortungsgefühl entschlossen und möchte Wege finden, die Sicherheit und Unversehrtheit von Individuen, Paaren, Familien und der Gesellschaft zu schützen. Ohne Liebe und eine langfristige Absicht will ich mich nicht in eine sexuelle Beziehung begeben. Ich bin zur Achtung gegenüber meinen Versprechen und denen der anderen entschlossen, um mein Glück und das der anderen zu erhalten. Alles in meiner Macht Stehende will ich tun, um Kinder vor sexuellem Mißbrauch zu schützen und um zu verhindern, daß Paare und Familien durch sexuelles Fehlverhalten auseinanderbrechen.
- Vierter Grundsatz
Des Leidens bewußt, das durch unachtsame Rede und die Unfähigkeit, anderen zuzuhören verursacht wird, bin ich zur Entwicklung von einfühlsamer Rede und tief mitfühlendem Zuhören entschlossen. Damit will ich meinen Mitmenschen Freude bereiten und ihr Leiden lindern. Wissend, daß Worte Glück, aber auch Leiden verursachen können, will ich mich bemühen, im Einklang mit der Wahrheit zu sprechen und Worte zu gebrauchen, die Selbstvertrauen, Freude und Hoffnung wecken. Ich werde keine Informationen verbreiten, für deren Richtigkeit ich mich nicht verbürgen kann und nicht Dinge kritisieren und verurteilen, deren ich mir nicht sicher bin. Ich werde Äußerungen unterlassen, die Uneinigkeit oder Spaltung verursachen und die Familien oder die Gemeinschaft auseinanderbringen könnten. Ich will alles daran setzen, jeden Konflikt zu schlichten und zu lösen.
- Fünfter Grundsatz
Des Leidens bewußt, das durch unachtsamen Konsum verursacht wird, bin ich entschlossen, auf körperliche und geistige Gesundheit meiner selbst, meiner Familie und meiner Gesellschaft zu achten, indem ich mich in achtsamem Essen, Trinken und Konsumieren übe. Ich will nur Dinge zu mir nehmen, die Friede, Wohlergehen und Freude in meinem Körper und Bewußtsein fördern. Ich bin entschlossen, keinen Alkohol und andere Mittel einzunehmen, die meine Praxis behindern, wie z.B. bestimmte Fernsehsendungen, Zeitschriften, Filme und Unterhaltungen.
Ich will an der Umwandlung von Gewalt, Furcht, Wut und Verwirrung in mir selbst und in der Gesellschaft arbeiten, indem ich ein maßvolles Leben führe zum Wohle aller. Ich erkenne, daß dies für die Transformation der eigenen Person und der Gesellschaft entscheidend ist.
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